Der französische Energiekonzern Engie prüft, ob er bei einem großen neuen Solarprojekt in Brasilien entweder Batteriespeicher oder Rechenzentren für Bitcoin-Mining ergänzen soll. Dahinter steckt kein „Krypto-Hype“, sondern ein handfestes Strommarkt-Problem: Wenn das Netz nicht genug Solarstrom aufnehmen kann, wird Produktion abgeregelt – und das drückt die Einnahmen. Brisant ist die Nachricht auch politisch, denn Engie ist teilweise in Staatsbesitz: Der französische Staat hält 23,64% der Anteile und kontrolliert 33,20%.
Engie schaut sich Bitcoin-Mining als Option für das Solarprojekt Assu Sol an
Wie Reuters berichtet, untersucht Engies Brasilien-Tochter, wie sich die Wirtschaftlichkeit des Solarparks „Assu Sol“ verbessern lässt. Im Gespräch sind Speichersysteme oder lokale Großabnehmer in Form von Datenzentren – darunter ausdrücklich auch Anlagen, die mit Bitcoin-Mining verbunden sind.
Assu Sol liegt im Nordosten Brasiliens, hat laut Reuters 895 MWp installierte Leistung und ist erst in diesem Monat vollständig in den kommerziellen Betrieb gestartet. Doch wie viele Wind- und Solarprojekte im Land leidet auch diese Anlage unter Netz-Abregelungen (Curtailment). Engies Brasilien-Chef Eduardo Sattamini erklärte, man prüfe Lösungen vor Ort, weil die Stromproduktion nicht immer vollständig eingespeist werden könne.
Warum Mining und Batteriespeicher für Versorger plötzlich interessant werden
Die Logik ist einfach: Wenn ein Teil des erzeugten Stroms nicht ins Netz kann, braucht es alternative Wege, die Energie zu nutzen oder zu „parken“. Batteriespeicher könnten Strom zwischenspeichern, bis das Netz ihn aufnehmen kann. Bitcoin-Mining wiederum wäre ein flexibel zuschaltbarer Verbraucher direkt am Standort – also eine Möglichkeit, überschüssige Energie in Erlöse umzuwandeln, statt sie ungenutzt abregeln zu müssen.
Wichtig: Das ist laut Sattamini kein kurzfristiges Vorhaben. „Das kommt nicht nächsten Monat“, sagte er sinngemäß. Die Umsetzung würde ein paar Jahre dauern. Für den Bitcoin-Markt ist das ein Hinweis, dass es nicht um eine schnelle Mining-Expansion geht, sondern um eine strategische Machbarkeitsprüfung im Kontext von Netzengpässen und Stromvermarktung.
Signalwirkung: Bitcoin-Mining als „Netz-Werkzeug“ statt reine Industrie
Reuters zufolge ist Curtailment in Brasilien seit 2023 zu einem großen Problem für Solar- und Windbetreiber geworden und soll der Branche bereits Milliardenverluste beschert haben. Gründe sind unter anderem der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien, schwächeres Nachfragewachstum, Engpässe in der Infrastruktur und der Boom bei dezentraler Erzeugung wie Dach-Solar.
Der Engie-Fall ist deshalb vor allem als Signal spannend: Wenn ein europäischer Versorger dieser Größenordnung Bitcoin-Mining als Option prüft, wird Mining zunehmend als flexibler, netznahe Zusatzverbrauch betrachtet – als Werkzeug zur Stabilisierung und Monetarisierung von Stromerzeugung, nicht nur als eigenständiges Industriegeschäft.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag der Bitcoin-Kurs bei rund 63.123 US-Dollar.


