Freunde des Ethereum-Ökosystems werden seit einiger Zeit bemerkt haben, dass seit Jahresbeginn ein neues Schlagwort die Runde macht. Auch wenn viele der Projekte hinter Decentralized Finance oder kurz #defi älter sind hat dieses Narrativ im Jahr 2019 sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Entsprechend ist die Summe des in #defi-Projekten verwahrten Geldes. Aktuell sind Ether-, Bitcoin- und DAI-Token im Wert von gut 500 Millionen in Decentralized-Finance-Projekten gebunden. Bedenkt man noch zusätzlich, dass bis Mitte Februar 2019 dieses investierte Kapital nicht die 320 Millionen US-Dollar überstieg, ist verständlich, warum in den letzten Monaten viel davon gesprochen wurde. Im Kryptokompass, Ausgabe April 2019, haben wir das Monatsspecial deshalb diesem Begriff gewidmet.

Was verbirgt sich hinter #defi?

Für jene, die den Artikel nicht gelesen haben eine kleine Zusammenfassung: Unter dem Begriff dezentrale Finanz versteht man anspruchsvolle Finanzdienstleistungen auf dezentraler Basis. Es ist also nicht einfach von einem Wertspeicher und einem Zahlungsmittel die Rede, sondern auch von Dingen wie Stable Coins, dezentralen Börsen, Margin Trading oder Peer-to-Peer-Lending. Wer dabei auf Projekte wie MakerDAO, Dharma oder Compound kommt, liegt vollkommen richtig.

Decentralized Finance will, wenn man so will, das Bonmot Be your own bank vollständig erfüllen. Zentralisierten Stable Coins wie Tether steht dann eine dezentralere oder zumindest transparentere Alternative wie DAI oder WBTC gegenüber. Zentralisierte Börsen wie Bitfinex sollen durch neue Entwicklungen im Komodo-Ökosystem, durch Bisq oder 0x ein dezentrales Pendant finden. Schließlich soll zentralisierten Lending-Diensten durch Protokolle wie MakerDAOs DAI eine dezentrale Variante gegenübergestellt werden.

Kann Bitcoin auch #defi?

Den Großteil der Projekte finden Interessierte im Ethereum-Ökosystem. Projekte wie Augur oder MakerDAO sind hierbei die bekanntesten. Schaut man auf Defi-Pulse wird der Eindruck noch extremer: Von den ca. 520 Millionen US-Dollar sind lediglich 14 Millionen US-Dollar in Bitcoin gebunden. Der Großteil davon fällt mit ungefähr neun Millionen auf das Lightning-Netzwerk. Die übrigen sechs Millionen US-Dollar fallen zum größten Teil auf den Stable Coin WBTC, der jedoch auch kein reines Bitcoin-Projekt ist, sondern ein an den Bitcoin-Kurs gekoppelter Token auf Ethereum.

Hat also Bitcoin nichts mit Decentralized Finance zu tun? Zugegebenermaßen könnte man dein Eindruck gewinnen. Be your own bank wird häufig auf den Zahlungs- und den Wertspeicher-Aspekt reduziert. Dazu kommt die in manchen Kreisen der Bitcoin-Community bestehende Offenheit gegenüber Lösungen, die auf den ersten Blick der Trustlessness im Wege stehen. Hal Finneys Vision von Bitcoin-Banken und Kreditkarten statt Bitcoin kommen da in Erinnerung.

Die Mutter aller Kryptowährungen jedoch darauf zu reduzieren, wie es manche Kritiker tun, greift zu kurz. Bitcoin kann als erster Settlement-Layer die Basis für ein eigenes DeFi-System sein. Mit Multisignature Wallets, Payment Channels und insbesondere dem Lightning-Netzwerk existieren auch einige Technologien, die unter dem Hashtag #defi laufen können.

Gerade das Lightning-Netzwerk stellt hier eine interessante Basis dar: Atomic Swaps sind ein wichtiger Grundbaustein für OTC-Trades zwischen verschiedenen Assets. Nicht umsonst veröffentlichte Blockstream jüngst ein Tool, welches Atomic Swaps im Liquid-Ökosystem ermöglicht.

Bitcoins Decentralized Finance jenseits von Lightning

Man merkt auch innerhalb des Bitcoin-Ökosystems ein leichtes Umdenken. Sei es Jimmy Song, der über Bitcoin-gedeckte Kredite nachdenkt, seien es Gedanken über ein Vollreserve-System auf Bitcoin-Basis oder über Bitcoin-basierte CFDs, man merkt, dass sich #defi-nitiv viel im Bitcoin-Ökosystem tut.

Doch schon jetzt kann Bitcoin nutzbare Anwendungen im Rahmen Decentralized Finance vorweisen. Diese wollen wir uns nun genauer ansehen.

Grob lassen sich diese in zwei Kategorien unterteilen: Projekte, die nur indirekt mit Bitcoin arbeiten und jene, die direkt auf Bitcoin aufbauen. Erstgenannte sind häufig auf einer anderen Blockchain implementiert. Letztere nutzen ähnlich wie das Lightning-Netzwerk oder Liquid Bitcoin als finalen Settlement-Layer.

Defi-Nutzung von Bitcoin auf anderen Blockchains

Zur ersten Kategorie kann lassen sich besonders zwei Projekte zählen: Die schon erwähnten WBTC und Cosmos. WBTC haben wir in einem anderen Artikel vorgestellt. Es handelt sich dabei um einen Bitcoin-gedeckten ERC20-Token auf der Ethereum-Blockchain. Über WBTC ist es also möglich, indirekt Bitcoin in Ethereum-basierte dezentrale Börsen wie 0x zu integrieren. Problem ist hier natürlich, dass ähnlich wie bei Tether ein Counterparty-Risiko besteht.

Einen anderen Weg gehen deshalb auf Interoperabilität setzende Blockchains wie Cosmos oder Projekte wie COMIT. Diese sollen unterschiedliche Blockchains miteinander verbinden, so dass mit deren Hilfe eine Kopplung zwischen Bitcoin und beispielsweise Ethereum ohne Counterparty-Risiko realisiert werden kann.

Ein ähnlicher Ansatz wäre die Nutzung von Sidechains. Blockstream hat mit Liquid jüngst eine federated Sidechain gestartet, mit welcher nicht nur verschiedene Krypto-Börsen deutlich effizienter Bitcoin transferieren können, sondern auch andere Assets abgebildet werden sollen. Noch vor Liquid hat jedoch schon RSK von sich Reden gemacht. Diese Sidechain unterstützt Solidity, so dass Ethereums Welt der Smart Contracts so indirekt zur Verfügung steht. Schließlich ist im Rahmen von Sidechains das Drivechain-Projekt von Peter Sztorc zu nennen. Auf dieser Variante einer Sidechain konnte man das Projekt Bitcoin Hivemind, einen Bitcoin-basierten Prediction Market realisieren.

DeFi-Anwendungen auf Bitcoin-Basis

Auch allein mit Bitcoin (und einem Layer 2) können ambitionierte Entwickler viel von dem, was Decentralized Finance ausmacht, realisieren. Lightning-Netzwerk und Atomic Swaps haben wir schon angesprochen. Doch auch das ältere Omnilayer-Protocol können Entwickler für DeFi-Projekte jenseits von Tether nutzen. Tradelayer arbeitet daran, Omnilayer zu erweitern und mithilfe von Multi-Signatures eine Art DAI auf Bitcoin zu ermöglichen. Als Kollateral könnte das Projekt auf Bitcoin oder darauf basierende Token zurückgreifen.

Doch auch weitere für DeFi interessante Technologien sind in den Startlöchern. MAST ist dafür ein Beispiel: Merkelized abstact syntax trees sollen die Struktur von Transaktionen so erweitern, dass man komplexe Smart Contracts direkt auf der Blockchain realisieren kann.

Was es für DeFi auf Bitcoin noch braucht

Man sieht: Bitcoin und Decentralized Finance passen sehr gut zusammen. Zugegeben, Bitcoins Skriptsprache ist, da sie nicht Turing-vollständig ist, nicht komplex genug, um alle DeFi-Ansätze von Ethereum zu implementieren. Wie man jedoch an MASTs und DLCs sieht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Manko aufgehoben ist. Zusätzlich ermöglichen Second-Layer-Lösungen wie das Lightning-Netzwerk, Liquid oder das Omnilayer Protocol schon jetzt vieles von dem, was man aus dem DeFi-Ökosystem kennt.

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